Archiv für Oktober 2010

Die Fan-Initiative in Kiev

Am 21.09.2010 veröffentlichte die Deutsche Welle in der Ukraine einen Bericht über unsere Reise nach Kiev. Mittlerweile liegt uns eine deutsche Übersetzung vor.

FUSSBALL | 2010.09.21
Deutsche Fans haben Gewalt im Stadion in Kiew erlebt


Es sah aus wie versuchter Mord“ – erinnern sich die deutschen Fans Sven Schneider und Susanne Franke an den Zwischenfall im Stadion in Kiew, den sie gesehen haben.

Vor der Euro 2012 bereiten sich nicht nur die Organisatoren vor, sondern auch Fans. Eine Gruppe von Fans des deutschen Clubs Schalke 04 besuchte Kiew. In der Ukraine machten sie angenehme und weniger angenehme Erfahrungen.

Man soll nicht glauben, dass im Fußball in Deutschland nur Männer ganz vorne stehen. An der Spitze der deutschen Fußball-Initiative „Schalker gegen Rassismus“, die etwa 300 Mitglieder hat, steht eine Frau. Computer-Spezialistin Susanne Franke führt diesen Verein in Gelsenkirchen schon seit fünf Jahren.


Fans von Schalke 04

Dass diese Fans Kiew besuchen, ist kein Zufall. Susanne: „Wie schon erzählt, entstand diese Idee im vergangenen Jahr beim Besuch eines Fußball-Turniers in Lviv. Wir Fans aus Deutschland sahen dort Anzeichen von Neonazismus, also haben wir uns entschlossen, unsere Erfahrungen bei der Bekämpfung dieses Phänomens mit ukrainischen Fans zu teilen. Schließlich heißt unsere Initiative ‚Schalker gegen Rassismus‘ “.

„Die Strukturen der Länder sind sehr unterschiedlich. Wir waren daran interessiert, alles sozusagen von innen zu sehen, um es beurteilen zu können. Dann findet man mit den Fans selbst eine bessere Strategie gegen die rechten Tendenzen“ – sagt Sven Schneider, der auch Kiew besucht hat.
Auf das Problem des Neonazismus in ukrainischen Fankreisen weist auch der Wissenschaftler Wjatscheslaw Lichatschow hin. Im Gespräch mit der Deutschen Welle sagt er unter anderem: „Die ukrainische jugendliche Subkultur, die rund um den Fußball entstanden ist, ist total rechts. Allgemein ist die Infektion mit Neo-Nazi-Ideen und Stereotypen, die mit aggressivem Verhalten gekoppelt sind, ein für die Gesellschaft bedrohliches Phänomen.“

Kiew – eine schöne Stadt


Die Fans aus Gelsenkirchen sind von der Stadt Kiew angenehm beeindruckt.

Sven ist beruflich im Verbraucherschutz tätig, und seit 1991 im Umfeld von Schalke 04. Er erinnert sich an den ukrainischen Spieler Vladimir Liutyi, der 1990 bis 1991 die Farben des deutschen Clubs verteidigte: „Es war der zweite Spieler aus der Sowjetunion, der für Schalke gespielt hat. Vielleicht kennen die jungen Fans diesen Namen nicht, aber wir erinnern uns daran natürlich.“

Die Aktivisten von Schalker gegen Rassismus lernten ukrainische Fußball-Fans kennen, und besichtigten mit ihnen Kiew. „Wir sind sehr beeindruckt von dieser interessanten Stadt, den Leuten, Sehenswürdigkeiten und der Geschichte. Wir mögen es hier. Wir fühlen uns als Touristen hier wohl,“ – sagt Susanne Franke, Vorsitzende der Fan-Ini.
Die Erwartung der Euro 2012 – niedrige Preise und günstige Verkehrsanbindungen
Die Fans von Schalke 04 haben den Plan, für weitere Spiele ihrer Favoriten in die Ukraine zu kommen. „Vielleicht können wir hierher kommen, falls Schalke gegen Dynamo Kiew spielt. Oder gegen andere ukrainische Mannschaften in der Champions League. Dann kommen wir sicherlich. Was Europameisterschaft anbetrifft, so werden wir gerne dabei sein, wenn die Tickets normale Preise haben“, – sagt Susanne Franke.
Sie fügt hinzu, dass sie sich notfalls eine Karte für 50 Euro leisten kann: „Aber wir haben nicht wenige Fans, die nicht genug verdienen. Zum Beispiel Studenten. Für sie ist das viel Geld. Wenn die Preise also deutlich höher werden, können wir nicht einer großen Gruppe kommen. Wenn wir kommen, mieten wir wieder eine Wohnung, das ist bequemer.“
Schneider sagt, dass die Infrastruktur noch entwickelt werden muss: „Wir müssen uns wohl fühlen, und sicher ein Bier trinken können mit allen Teilnehmern des Turniers. Und wichtig ist, wie und auf welche Weise wir uns hier bewegen könnten. Ob es Schnellverkehr geben wird, ob es mit dem Taxi alles richtig funktionieren wird, ob also alle Transportwege richtig organisiert werden. Wir werden uns bestimmt nicht nur in einer Stadt aufhalten, also müssen wir auch andere Städte irgendwie erreichen.“

„Es sah aus wie versuchter Mord“


Fans müssen sich organisieren und gegenüber Beamten und Clubs äußern

Die Fans aus Gelsenkirchen erlebten eine Prügelei von ukrainischen Stadionbesuchern in Kiew. Es waren nicht die Neonazis, es waren die „Hüter“ des Stadions. Hier ist ihre Geschichte: „Es war das Spiel Dynamo Kiew gegen Dnipro, das wir besucht haben, um zu sehen wie Erstligafußball hier in Kiew ist. In der Halbzeitpause gingen wir hinaus, um Wasser zu trinken. Wir stiegen eine Treppe mit unseren Getränken hinauf, und blieben dort, um die zweite Halbzeit zu sehen. Wir bemerkten, dass in dem Sektor (Block), in dem wir waren, die Stewards ihre Aufmerksamkeit auf etwas lenkten und jemanden anriefen. Sieben bis acht Personen kamen, um zu kämpfen, an ihren Gesichtsausdrücken war klar zu sehen, dass sie es ernst meinten. Als sie den Sektor betraten, sahen wir nicht mehr, was da geschah. Einige Minuten später holten sie einen Mann aus dem Sektor, dann drei weitere. Sie haben sie heftig und brutal zusammengeschlagen. Sie drängten sie an die Wand und schlugen sie mit Händen und Füßen.“

Die Gäste waren davon stark überrascht, dass die Ordner dabei nichts unternommen haben. Sie standen nur abseits und schauten ruhig zu, obwohl sie selbst diese Männer angerufen hatten. „Es war ein Sicherheitsdienst. Aber sie waren in zivilen T-Shirts unterwegs, ohne irgendwelche Symbole. Die Polizei war nicht da. Es sah aus wie ein Mordversuch, weil sie auch in die Nieren geschlagen haben; und ihre Gesichter waren so rot, als ob sie lange nicht gekämpft haben, und nun jemanden zusammenschlagen wollten. Dabei war die Atmosphäre im Stadion schön, es gab viele Kinder, Frauen und Jugendliche. Alles war großartig. Aber wir hatten nicht erwartet, eine solche Szene bei diesem Spiel zu sehen.“– Sven Schneider weiter.

So etwas wie in der Ukraine haben die Fans noch nirgendwo gesehen


Die ukrainische jugendliche Subkultur rund um den Fußball ist von Neonazi-Ideen infiziert

Susanne sagt, sie sei bei einigen Fußballspielen in europäischen Ländern gewesen – in Griechenland, Frankreich, Holland und England. „Ich habe noch nie Fälle solch brutaler Schlägerei im Stadion gesehen, vor allem nicht, während die Ordner ruhig zuschauen.“
Die von den Schalke-Fans beobachtete Situation hatte keinen Bezug zu „politischen Angelegenheiten“, betonten die DW-Gesprächspartner. „Wir wollen nicht, dass sich so was Willkürliches nochmals wiederholt. Es geschah alles im Stadion, wo Ordnung sein sollte, und es ist sehr schwierig, wenn man kein Vertrauen in die Polizei haben kann, die so etwas erlaubt“.
Nach den Führungspersonen der Fan-Initiative aus Gelsenkirchen sollten die Fans sich selbst organisieren und gegenüber den Beamten und dem Fußballverein äußern. Die Manifestation des Neonazismus in den Stadien, sagt der Experte Lichatschow, sei nur durch gezielte und systematische Lobbyarbeit seitens der Führungspersonen des Fußballclubs zu bekämpfen. Die aber, so Lichatschow, sind daran nicht interessiert.

Autor: Olga Vesnyanka
Redakteur: Sachar Butyrskyy




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