Archiv für November 2010

„Das war versuchter Mord“

Am 06.11. erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit unserer Vorsitzenden Susanne Franke. Hier zum Nachlesen die online Version.

Fanberaterin Susanne Franke im Gespräch „Das war versuchter Mord“

Interview: Christoph Ruf

Überfälle auf Dortmunder Fans in Lwiw, Rassismus in beinahe jedem Stadion: Fan-Arbeiterin Susanne Franke sorgt sich um die radikale Fan-Szene in der Ukraine. 2012 finden ausgerechnet hier einige Spiele der Fußball-EM statt.
Susanne Franke, 44, ist Vorsitzende der Schalker Faninitiative „Fan-Ini“. Der Verband gründete sich 1992, als rassistische Gesänge im damaligen Parkstadion überhand nahmen, er hat beste Kontakte zu Fans in Osteuropa. Von der jüngsten Reise in die Ukraine brachte Franke beklemmende Eindrücke mit.

SZ: Frau Franke, als Borussia Dortmund im September in Lwiw spielte, wurden BVB-Fans überfallen, beim Spiel von Galatasaray Istanbul wurde ein rassistisches Transparent entrollt. Im September demonstrierten 1000 Ukrainer für ausländerfreie Fußballmannschaften. Viel Arbeit für die Fan-Initiativen.
Franke: Das stimmt leider, wobei es nicht überall in der Ukraine so übel zugeht wie in Lwiw. Rassistische Einstellungsmuster sind im Ostteil des Landes weniger stark ausgeprägt als im Westteil. Menschen mit dunklerer Hautfarbe leben aber fast überall in Angst vor Diskriminierung und Gewalt.

SZ: Und das äußert sich in besonderem Maße beim Fußball?

Franke: In jedem Stadion steht ein Block von gut 20 Hardcore-Nazis, oft mit entsprechenden Symbolen und Gesängen, ohne dass das jemanden stören würde. Dazu kommen die Mitläufer. Und dass man rassistische Äußerungen nicht dulden muss, ist auch bei der dortigen Polizei keine weit verbreitete Erkenntnis.

SZ: Woran liegt das?

Franke: Nicht zuletzt am Erbe des Sowjetsystems: Alles, was als links gilt, ist nachhaltig diskreditiert. Gegen Nazis zu sein, gilt seither als links. Leute wie wir von der Fan-Ini sind dort schnell die „Sowjetschlampen“ – einfach, weil wir jede Form von Diskriminierung nicht normal finden. Deswegen sind die Nazis dort auch so tiefenentspannt – sie surfen auf einem Meer des Wohlwollens. Selbst bei einem von der Organisation Fare…

SZ: …der Antirassismus-Organisation Footballfans against Racism in Europe…

Franke: …unterstützten Turnier tauchen schon mal Nazis auf, denen keiner so richtig entgegentritt. Fare macht gute Arbeit, keine Frage. Der aus Westeuropa bekannte Ansatz, über rechtsextreme Symbole und Codes aufzuklären, greift dort aber nicht tief genug. Man muss in vielen Ländern Osteuropas vorher anfangen: beim Bewusstsein, dass eine Demokratie keine Diskriminierung verträgt, und dass es ohne Zivilcourage nicht geht.

SZ: Wie verhalten sich die Vereine?

Franke: Denen ist das völlig egal. Unsere Partner vor Ort bekamen zwar mal einen Gesprächstermin, aber bisher gibt es nur Lippenbekenntnisse. Vor allem, wenn Sie über solche Gewaltexzesse reden wollen, wie wir sie selbst beim Spiel Dynamo Kiew gegen den FC Dnipro gesehen und gefilmt haben.

SZ:  Exzesse?

Franke: Auf dem Film ist zu sehen, wie der offizielle Ordnerdienst ein paar Jugendliche aus dem Block holt und an finstere Gesellen in zivil übergibt. Danach wähnt man sich in einem indizierten Gewaltfilm. Das war versuchter Mord, ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten. Diese Leute haben die Jugendlichen brutal vermöbelt. Als die längst bewegungslos am Boden lagen, wurde noch gezielt in die Nieren getreten und auf den Kopf geschlagen. Wir haben uns nur zitternd angeschaut: So einen Gewaltexzess haben wir noch nie gesehen. Und wir konnten in der Situation nichts tun.

SZ: Und der Verein reagiert nicht?

Franke: Man kommt nicht an ihn heran. Es mag blöd klingen, aber: Das ist eine Gesellschaft, in der es noch kein Konsens ist, dass man sich nicht auf die Fresse haut, wenn einem etwas nicht passt.

SZ: Gibt es Organisationen, an die man sich wenden kann?

Franke: Zum Beispiel das „Eastern European Development Institute“, mit dem wir in Zukunft enger zusammen arbeiten wollen. Aber deren Einfluss ist begrenzt. Das liegt auch daran, dass die Ukrainer aus historischen Gründen kein allzu großes Vertrauen in Institutionen haben.

SZ: Das alles klingt nicht gut – auch nicht im Hinblick auf die EM 2012.

Franke: Ich glaube, da müssen sich die Uefa-Funktionäre keine Sorgen machen. Es wird saubere Spiele geben, und das wird ja auch weitgehend das einzige sein, was Europa an seinem Ostteil 2012 interessieren wird. Die Karten werden die reichen West-Touristen kriegen und die offiziellen Fanklubs vor Ort. Leute, die auf Kommando klatschen. Das haben sie jahrzehntelang geübt.

SZ: Auch hierzulande haben die Verbände jahrelang abgewiegelt. Ohne Fan-Initiativen hätte es sicher länger gedauert, bis der Alltagsrassismus in den Stadien thematisiert worden wäre. Kann das Versagen der Verbände und Vereine auch eine Chance sein?

Franke: Sofern die Zivilgesellschaft die Lücken füllt. Genau das ist der Ansatz vieler vernünftiger Leute in der Ukraine. Den Jugendlichen vorzuleben, dass es coolere Leute gibt als die Rechten. Echte Fans, die jedes zweite Stadion in Europa kennen und schon deswegen einen weiteren Horizont haben als die rechten Schläger. Die kennen doch bloß ihre drei Straßenzüge.

Schalker Finanzen – alles im Lot?

Folgender Artikel erschien im „Blauen Brief“ und die Antworten auf die gestellten Fragen interessieren uns natürlich schon.

Schalker Finanzen – alles im Lot?

Gut ein Viertel der Saison 2010/2011 liegt mittlerweile schon hinter uns. Und auch wenn es schwer fallen mag der Wahrheit direkt ins Gesicht zu blicken, so ist uns Schalkern doch mittlerweile allen klar, dass der S04 – wenn nicht doch noch ein Wunder biblischen Ausmaßes geschehen sollte – in der kommenden Saison nicht auf Europas großen Fußballbühnen mitmischen wird.
Unsere (Vereins-)Mitglieder sind daher in großer Sorge – egal ob Einzelmitglied oder Fan-Club-Mitglied, Mitglied im SC, der Fan-Ini oder der UGE. Allerhöchste Eisenbahn also, einige wichtige Fragen an unsere Vereinsverantwortlichen aus der Abteilung „Finanzen“ zu richten. Fragen, die allesamt schon mehrfach, teils auch während der Mitgliederversammlung, gestellt wurden, jedoch nur allzu oft unbeantwortet blieben.
Natürlich liegen aktuell keine neuen Daten über die Situation der Finanzen unseres Vereins vor, aber es gibt Gerüchte. Immer wieder wird über die Finanzen Schalkes gesprochen und auf neue Probleme hingewiesen. Klarheit kann hier von unserer Seite nicht gebracht werden, aber Fragen können formuliert werden. Und wenn diese von unserem Vorstand offen und ehrlich beantwortet werden, würde viel mehr Licht ins Dunkel kommen.
Die Schulden unseres Vereins sind in den letzten Jahren drastisch angestiegen. Noch vor zehn Jahren waren es weniger als 50 Mio. Euro, heute sind es im Verein 140 Mio. Euro und im Konzern – unter Berücksichtigung aller Tochterunternehmen – rund 300 Mio. Euro. Natürlich ist schon häufig darauf hingewiesen worden, dass die hohen Investitionen der letzten Jahre in Arena und Spieler nicht nur durch vergangene Einnahmen, sondern auch durch Schulden finanziert werden müssen. Ansonsten würden wir noch heute in den Ruinen des Parkstadions spielen. Aber nun spielen wir seit fast zehn Jahren in der fast immer voll besetzten Arena und die Schuldenberge sind trotzdem immer weiter angewachsen. So hoch sogar, dass die Schulden derzeit höher als das Vereinsvermögen sind. Das sagt ein negatives Eigenkapital von rund 50 Mio. Euro im Konzern aus. Wie sollen diese Schulden wieder auf ein vernünftiges Maß reduziert werden? Wie sieht der Umschuldungs- bzw. Konsolidierungsplan, von dem immer wieder gesprochen wird, aus?
Im letzten Geschäftsbericht wurde ausführlich beschrieben, wie die Schulden der Veltins-Arena zurückgezahlt werden sollen. Aber diese Schulden machen letztlich nur knapp ein Viertel der Gesamtschulden des Vereins aus. Wie sollen die anderen Verbindlichkeiten reduziert werden? In der Vergangenheit wurden auch schon die Arena-Schulden getilgt und trotzdem gleichzeitig die Gesamtschulden hochgefahren. Soll das so weitergehen?
Es machen immer wieder Gerüchte die Runde, dass ein Teil der zukünftigen Einnahmen dem Verein überhaupt nicht mehr zur Verfügung stehen. Aus diversen Presseberichten ist bekannt, dass die zukünftigen Einnahmen aus den Verträgen mit den Sponsoren GAZPROM und ADIDAS bereits längst in die Kassen unseres Vereins geflossen sind. Wir fragen: Sind noch weitere zukünftige Einnahmen aus Verträgen schon liquidiert (forfaitiert) worden und stehen somit zukünftig nicht mehr zur Verfügung?
Ein Teil der Schulden bestand aus der so genannten Schechter-Anleihe über rund 80 Mio. Euro. Diese wurde im vergangenen Jahr von einem anderen Investor übernommen. Zuerst wurde 2003 diese Anleihe von der Vereinsspitze gefeiert, weil sie die Abhängigkeit von den Banken reduzierte. Nun aber soll der neue Investor weniger Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen. Uns stellt sich logischerweise die Frage: Welche Zustimmungs- und Genehmigungsrechte hatte denn Schechter – und welche hat der neue Investor? Gibt es auch andere Investoren oder Gläubiger, die einen solch hohen Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen dürfen?
In diesem Zusammenhang wurde auch immer wieder berichtet, dass ein Teil der (Ticket-) Erlöse als Pfand für die Anleihe verwendet wurde. Was bleibt „uns“ eigentlich noch von den Ticket- und Medieneinnahmen? Sind die zukünftigen Einnahmen aus der Champions League zum Beispiel schon alle wieder ausgegeben? Geht also ein Teil der Einnahmen gar nicht mehr auf die eigenen Vereinskonten, sondern fließen diese auf die Konten der Gläubiger von Schalke 04?
Anteile an den diversen Tochterunternehmen des Vereins sollen unserem Verein schon gar nicht mehr gehören bzw. nur noch auf dem Papier zur Verfügung stehen. Daraus ergeben sich weitere Überlegungen: Sind noch weitere Sachen oder Konzernteile verpfändet? Was gehört dem Verein eigentlich noch? Welche Gestaltungsmöglichkeiten hat der Verein eigentlich noch?
Im letzten Jahr erfolgte der GEW-Deal mit dem Verkauf der Anteil an der Stadiongesellschaft. Damals soll das nur passiert sein, um einen Liquiditätsengpass – oder vielleicht doch schon die Insolvenz (?) – zu vermeiden. Es sollen verschiedene Kauf- und Verkaufsoptionen gegeben sein: Welche sind dies und wie belasten diese unseren Verein?
Müssen aus heutiger Sicht mit der sportlichen Krise wiederum neue zusätzliche Kredite in Anspruch genommen werden, damit der Verein seinen Verpflichtungen nachkommen kann? Sind neue Liquiditätsengpässe zu erwarten? Müssen – und wenn ja wann – Leistungsträger und Identifikationsfiguren verkauft werden um den „worst case“ zu vermeiden, wenn wir im kommenden Jahr nicht im internationalen Wettbewerb vertreten sein sollten?
Wenn auch nur ein kleiner Teil der Gerüchte stimmt, dann steht es schlecht um die Finanzen unseres Vereins. Bliebe als letzter möglicher Ausweg nur noch die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft. Sollen dann nach dem Vorbild von Bayern München und Borussia Dortmund Unternehmensanteile verkauft werden? Wollen wir das wirklich?




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